Aller Ende ist schwer | Othmar Auberger

 

Leseprobe

 

 

 

        „Ist es gut, kann ich es so belassen?“, fragt der lernbegierige Schüler nun nochmals, nachdem er befunden hat, dass der verstrichene Zeitraum genug Platz geboten hat, vom Dach wohlbehalten auf den Erdboden zurückzukehren, den traumwandelnden Künstler in Professor Vorholzer also wieder in die Realität zurück zu holen. Letzterer lehnt am Stehpult und schaut gedankenverloren auf von seiner eigenen Tätigkeit, einer Studie in Kohle mit Armen, Händen und anderen unvollständigen Körperteilen. Ihre Blicke begegnen einander, der hoffende, fragende, ja unsichere des Suchenden und der feste, neugierige, freundliche des Erfahrenen. Dieser dreht sich um, geht auf den jungen Mann zu und betrachtet dessen Werk auf der Staffelei. „Was hast du gemalt, … wie heißt das Bild?“ - Von Anfang an waren die beiden per „Du“, der jovialen Haltung des Professors geschuldet.

 

        „Du hast gesagt, ich soll etwas Schmerzhaftes darstellen! Es zeigt eine Mutter, die gerade vom Tod ihres Sohnes erfahren hat.“

 

        „Was hast du während des Malens bedacht?“

 

      „Ich habe mich in die Gefühle der Mutter hineinversetzt. Um den Schmerz auszudrücken, müsse ich besondere Aufmerksamkeit auf die Augenpartie legen, hast du gesagt.“ Nach kurzem Zögern fügt er hinzu: „Fehlt noch etwas?“

 

        Der alte Herr betrachtet das Bild, dessen Ölfarben noch kaum trocken sind. Er fixiert die Gezeichnete. Lange. Der Schüler wartet ungeduldig auf den Befund seines Lehrers. Was er tadelt, was er lobt, ja alles was er sagt, hat für Krumpech großes Gewicht. Die anfängliche Fremdheit zwischen ihnen ist längst abgeklungen. Professor Vorholzer hat viel aus seinem langen Leben erzählt, Künstlerisches wie auch Privates. Mit dieser Offenheit hat er seinen Schüler von Anfang an vereinnahmt. Er hat auch zugehört, den Ideen des Jünglings neugierig gelauscht, dem Feuer, das in ihm lodert, auch seinen Sorgen. Vorholzer hat ihn in seinem Sturm und Drang öfters mit der Beständigkeit des Alters wieder auf sicheres Terrain gebracht, vor allem nach der Enttäuschung bei seiner Angebeteten – die „große“ Liebe war einseitig geblieben. Der Junge wiederum hängt an den Lippen des Alten, generell aufgrund seiner Lebenserfahrung, im Moment aber vor allem aufgrund seiner erwarteten künstlerischen Expertise.

 

        Der Professor studiert noch immer das Bild: Das wirre Haar, das einen Hauch von Wahn vermittelt; die fest vor Mund und Nase gepressten Hände, deren unscharfe Konturen ihr Zittern andeuten; die blasse Farbe der Wangen, die den Schock greifbar werden lassen; die krampfhaft zusammengezogenen Augenbrauen und die tief hängenden Lider, die die Augen fast vollständig verdecken. Ach, die Augen - ihre Farben sind kaum erkennbar, keine Iris zu sehen, keine Pupillen. Das, was die Lider gerade noch freilassen, verrät nur das Wasser, das im nächsten Moment in dicken Tränen daraus hervorquellen wird. Der Professor kann seine Augen nicht von den ihren lassen. Er ist innerlich aufgewühlt von der Ausdruckskraft des Motivs. Ja, er ist erschüttert von dem Anblick - welch tiefer Schmerz ihm entgegenschaut. Ihn stimmt auch der Verlust des unbekannten Kindes tieftraurig. Ob es sich um Verwandte seines Schützlings handelt, überlegt er? Vereinzelte Nebenbemerkungen Krumpechs erlaubten diese Vermutung. Vorholzer kommen im Anblick des Bildes zwar nicht die Tränen, wie der traurigen Mutter, aber ein paar Schnüre um seinen Hals lassen seine Kehle trocken werden.

 

        Mit seinem Hemd, dem ein Knopf fehlt, das überdies zur Hälfte aus der Hose heraushängt, und mit den abgetretenen Sandalen vermittelt der ausgediente Professor im Moment beinah den Eindruck, als benötige er Pflegeunterstützung. Kleider machen aber nur solange Leute, wie deren inneres Wesen unerkannt bleibt. Von letzterem kann bei Krumpech keine Rede sein. Er kennt „seinen“ Professor gut genug, dass nämlich seine Geringschätzung für Äußerlichkeiten durch große Empathie und tiefes Einfühlungsvermögen ausgeglichen wird. Krumpech bleibt auch die im Moment an ihm erkennbare Rührung nicht verborgen.

 

        Nach langem, tiefem Hineinfühlen in das Motiv, ja in den dargestellten Schicksalsschlag, wendet Professor Vorholzer sich schließlich um. Er nimmt die Frage seines Schülers wieder auf: „Bist DU fertig mit deinem Bild?“ Diese Worte überraschen Krumpech, vor allem das langgezogene „Du“. Der Schüler tritt von einem Bein auf das andere: „Ich weiß eben nicht recht; habe ich alles zum Ausdruck gebracht? Oder meinst du, dass das Gesicht und die Haltung ihren Schmerz nicht wahrhaftig zeigen?“