Deine Farben sind ausgebleicht, die Ärmel abgewetzt, dein Kragen ist abgestoßen. Die Knöpfe? Nicht mehr ganz vollständig! Unzählige Flecken in deinem Stoff lassen vermuten, wie viele Arbeitsstunden du aushalten musstest. An den nur zum Teil ausgebesserten Rissen lässt sich ablesen, dass bisweilen der Elan deines Besitzers und die Beharrlichkeit von Kanten oder Nägeln größer war als die Festigkeit deines Stoffes.
Ein Hemd! Einfach nur ein Hemd; ein einfaches Hemd. Einst zum Ausgehen, darnach als Arbeitshemd genutzt. Von der Stange, kein Designerstück; bereits längst „aus der Mode“, lange auch schon abgenutzt und abgetragen. Doch du warst stets geschätzt ob deiner Vorteile: angenehm zu spürender Baumwollstoff, gute Passform, breit genug um bequem zu sein, knapp genug um in Bewegung nirgends anzustreifen, vor allem: unzählige Taschen zum Einstecken von Wichtigem wie Unwichtigem: Autopapiere, Schlüssel, Werkzeugteile, Notizen, ein paar Münzen, Taschentücher, und so fort … Im Kleiderschrank lagern deine Geschwister, unversehrt, teils noch originalverpackt – aber keines so beliebt wie du.
Und nun? Nun hängst du schon wochenlang herum, nicht mehr ganz frisch über die Sessellehne geworfen. Wirst nicht gebraucht. Dabei wärst du sofort einsatzbereit, sogar die Schrauben und ein Bleistift von deinem letzten Arbeitseinsatz stecken noch in der Brusttasche.
Woran es dir ermangelt? Dein alternder Besitzer liegt seit Wochen im Krankenhaus. Schlaganfall! Kein Schritt ohne Pfleger, ja keine Mahlzeit ohne Hilfe. Alle körperlichen Grundbedürfnisse fallen schwer. Vor seiner Entlassung nach Hause sollten Bad und Stiegenhaus umgebaut werden. Eine Rund-um-die-Uhr Betreuung ist zu organisieren. Statt von deinem Besitzer wird der Haushalt gegenwärtig von anderen Personen gesteuert.
Dienstbare Hände nehmen dich auf der Sessellehne wahr und sorgen endlich auch für deine Pflege: Ab in die Waschmaschine. Das anschließende Lüften und Trocknen im Garten tut dir gut; in jenem Garten, durch den du so oft den Weg vom Haus in die Werkstätte gefunden hast.
Bald liegst du fein säuberlich ausgebreitet. Aufgelegt auf einem Brett - fast wie aufgebahrt! Und ich? Ich stehe vor dir, das Bügeleisen in der Rechten, und starre dich lange an. Meine Fingerspitzen gleiten vorsichtig über deinen zerschlissenen Stoff. Wegschmeißen, überlege ich? Ich bring‘s nicht übers Herz. Ich will dir eine ordentliche Fassung verleihen, deinem Besitzer zu liebe. Langsam beim Kragen beginnend - wann der wohl wieder den gewohnten Hals umschmeichelt? Als Nächstes die Falten in den Ärmeln ausstreichen und mit viel Dampf darüber gefahren - krempelt ihr euch jemals noch an den fleißigen Armen hinauf? Nun deine Rückseite heiß geglättet - wird es je wieder notwendig, die Nieren deines Besitzers vor Wind und Kälte zu schützen? Zuletzt die Vorderseite, gedankenversunken hin und her und hin und her, vorsichtig an den vielen Taschen vorbei. Ja deine Taschen, ach du braves Hemd! Danke, dass Du Taschen hast. Denn nur ein wohlbekanntes anderes Hemd braucht keine Taschen! Tja, liebes Hemd, wie oft dir wohl noch dein Besitzer in diese Taschen greifen wird?
Es muss am Dampf liegen, dass mir die Feuchtigkeit in die Augen steigt. Ich habe wohl etwas zu heiß gebügelt …